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Lesen. Schreiben. Rechnen. Denken!

Medienkompetenz ist die 4. Kulturtechnik. Doch ihre Vermittlung wird immer noch behandelt wie ein freiwilliger Kurs in "digitaler Gartenpflege". Ein Plädoyer für eine neue Bildungspolitik, die Demokratie schützt. Von Alexander Sängerlaub.

Die fünf Skill-Sets (digitaler) Informations- und Nachrichtenkompetenz nach Meßmer/Sängerlaub (SNV-Studie).

LESEN, SCHREIBEN, RECHNEN – das sind die Basics. Ohne sie keine Teilhabe, kein Fortschritt, keine Gesellschaft, die funktioniert. Aber was ist mit der Fähigkeit, eine Quelle im Netz zu prüfen, einen Kommentar von einer Nachricht zu unterscheiden oder Desinformation zu erkennen? Willkommen im 21. Jahrhundert: Medienkompetenz ist schon längst zur 4. Kulturtechnik geworden.

 

Im digitalen Zeitalter erweist sich der Teil der Medienkompetenz, den man digitale Informations- und Nachrichtenkompetenz nennen kann, als besonders demokratierelevant – und komplex. Sie beinhaltet das Finden, Prüfen, Deuten, Erkennen, Einordnen, Navigieren und Verifizieren – und neuerdings auch noch den souveränen Umgang mit KI. Und trotzdem werden sie in unserem Bildungssystem noch immer behandelt wie ein freiwilliger Kurs in "digitaler Gartenpflege".

 

Dabei ist die Lage ernst. Eine große Studie zur Nachrichtenkompetenz der Stiftung Neue Verantwortung hat es schwarz auf weiß gezeigt: Fast die Hälfte der Deutschen schneidet bei den grundlegenden digitalen Nachrichten- und Informationskompetenzen schlecht ab. Nur 22 Prozent erreichen ein hohes Niveau. Die meisten können nicht sicher unterscheiden, ob ein Beitrag Werbung, Meinung oder Information ist. Viele glauben, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei direkt der Politik unterstellt. Und fast ein Drittel hält journalistische Kommentare für objektive Berichterstattung.

 

Gleichzeitig sind es genau diese Kompetenzen, die in einer digitalen Öffentlichkeit über unsere Urteilsfähigkeit, unser Vertrauen in Institutionen – und letztlich über die Widerstandskraft unserer Demokratie entscheiden. Wer Desinformation nicht erkennt, teilt sie weiter. Wer Algorithmen nicht versteht, wird von ihnen manipuliert. Und wer digitalen Plattformen schutzlos ausgeliefert ist, kann kaum am demokratischen Diskurs teilnehmen. Waren wir im Zeitalter der Massenmedien verwöhnt durch Zeitungen, die uns das Denken abnahmen, kommen wir in den digitalen Öffentlichkeiten um das kritische Selberdenken nicht herum.

 

Demokratische Selbstverteidigung im digitalen Zeitalter

 

In einem kürzlich erschienenen Policy Paper habe ich das so formuliert: Wir brauchen eine resiliente Informationsgesellschaft – und eine neue Öffentlichkeitspolitik, die uns dorthin führt. In Zeiten von Plattform-Oligarchen, KI-generierten Fake News und einer digitalen Ökonomie der Aufmerksamkeit reicht es nicht mehr, einfach nur "irgendwas mit Medien" zu machen. Es geht um nichts Geringeres als die demokratische Selbstverteidigung im digitalen Zeitalter.

 

Denn Informationskompetenz ist heute viel mehr als ein "nice to have". Sie ist das Rückgrat einer Gesellschaft, die mit Komplexität umgehen kann. In der Pandemie haben wir gesehen, wie sich Unsicherheit und Desinformation gegenseitig verstärken. Im Wahlkampf erleben wir, wie sich populistische Narrative in Windeseile verbreiten – während fundierter Journalismus um Klicks kämpfen muss. Und in internationalen Konflikten sehen wir, wie Propaganda als Waffe eingesetzt wird. Wer da nicht einordnen, nicht verifizieren, nicht prüfen kann, wird zum Spielball in einer Welt, die zunehmend unübersichtlich wird.

 

Was also tun?

 

1. Medienkompetenz muss systematisch in die Lehrpläne – von der Grundschule bis zur Berufsschule, und zwar verpflichtend. Ein eigenes Schulfach für digitale Demokratie, das ernst genommen wird, wäre ein Anfang. In Thüringen und Baden-Württemberg testet man Medienkunde und Informatik als eigenes Fach. Denn alle bisherigen Versuche, das als Querschnittsaufgabe über andere Fächer rüberzustreuseln, sind gescheitert. Das Wichtigste aber ist, studiertes Fachpersonal an den Schulen zu haben.

 

2. Auch die Erwachsenenbildung muss ran: Die Zahlen oder oben genannten Studie belegen, dass die Nachrichtenkompetenz mit dem Alter abnimmt. Über Volkshochschulen, die Social-Media-Plattformen und die Medienhäuser selbst, kann und sollte viel mehr getan werden, als bisher. So gibt es beispielsweise in Frankreich regelmäßig TV- und Radiosendungen, die aktuelle Mythen und Fakes enttarnen und das Rüstzeug dazu gleich ebenso vermitteln. 

 

3. Journalistische Angebote müssen sich weiterentwickeln, um die Qualität zu verbessern und die Nutzerbedürfnisse zu befriedigen: Die Skandinavier machen sehr gute Erfahrungen mit Konstruktivem Journalismus. Dieser beschreibt nicht nur Probleme, sondern bietet Lösungen an. Das steigert zum einen das Vertrauen in den Journalismus, zum anderen senkt das die zunehmende Nachrichtenvermeidung. 

 

4. Plattformen brauchen neue Architekturen, die Gemeinwohl und Demokratie priorisieren – und nicht nur die Aufmerksamkeitsspanne von 3,7 Sekunden. Fediverse und Bluesky machen es vor. Der Staat sollte diese fördern und zum Beispiel seine Kanäle bei X & Co. schließen.

 

Die gute Nachricht: Es ist alles da

 

Dabei sollten wir auch sprachlich mutiger werden. Der Begriff "Medienkompetenz" wirkt oft zu technisch, zu sperrig, zu diffus. Was wir eigentlich brauchen, ist ein neuer, griffiger Begriff – eine Kulturtechnik mit Power. Etwas, das so intuitiv klingt wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Vielleicht ist es banaler, als wir glauben: das Denken. Und Denken will gelernt sein, damit es eine wahre Superkraft für das digitale Zeitalter und resiliente Bürgerinnen und Bürger werden kann. Vielleicht ist es auch Zeit, uns daran zu erinnern, dass Demokratie selbst eine Kulturtechnik ist – und Medienkompetenz einer ihrer Werkzeugkästen.

 

Die gute Nachricht: Es ist alles da. Die Erkenntnisse. Die Studien. Die Tools. Es fehlt nur eins: der politische Wille. Vielleicht ist es Zeit, eine utopische, europäische Vision zu entwerfen: Warum nicht bis 2035 eine öffentlich-rechtliche, gemeinwohlorientierte Plattform aufbauen, die demokratische Öffentlichkeit neu denkt? Und bis 2030 ein Schulfach in allen Bundesländern implementieren?

 

Denn was für die Klimapolitik gilt, gilt auch hier: Ohne Zukunftsvision keine Veränderung. Und ohne Bildung keine Resilienz.

 

Oder, um es mit einem bekannten Philosophen des Pop zu sagen: "Mit großer Macht kommt große Verantwortung." Medienkompetenz ist die Macht des 21. Jahrhunderts. Zeit, dass wir alle lernen, damit umzugehen.

 

Alexander Sängerlaub ist Journalist, Publizist und Kommunikationswissenschaftler. Er ist Direktor des gemeinnützigen Think Tanks "futur eins" am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik.



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Kommentare: 2
  • #1

    Bernfried Mauch (Dienstag, 01 April 2025 09:57)

    Ein m.E. guter Beitrag. Es ist wirklich
    wichtig, daß man hier Kompetenz erwirbt. Es schützt vor allem junge Menschen vor Fallen, die die blau lackierte braune Scheiß-Partei stellt.

  • #2

    Wolfgang Kühnel (Dienstag, 01 April 2025 13:41)

    "Und bis 2030 ein Schulfach in allen Bundesländern implementieren?"
    Soll das ein Aprilscherz sein? Innerhalb von 5 Jahren kann man kein neues Schulfach "implementieren", weil die dafür erforderlichen Fachlehrer ja erst heranwachsen müssen, ganz abgesehen von der trägen Schulbürokratie in 16 Bundesländern. Bevor die ersten Studenten für dieses Fach im Lehramt immatrikuliert werden können, muss man Lehrende für dieses Fach haben. Wo kommen die her? Geld für zusätzliche Professuren gibt es doch nicht. Und das Referendariat gibt es auch noch.

    Außerdem: Ständig werden von allen Seiten neue Schulfächer gefordert. Andere fordern, die Schulfächer generell abzuschaffen zugunsten von Projektunterricht. Schulpolitik sollte keine Spielwiese für Amateure sein.

    Vorschlag: Lügenpropaganda kann man im Geschichts- bzw. Politikunterricht behandeln: Einfach mal alte Reden von Goebbels, Ulbricht, einigen Sowjetführern, Putin, Erdogan und jetzt Trump lesen und diskutieren.