Kitas, Grundschulen, Gymnasien – überall mangelt es an Lehr- und Fachkräften, Ausstattung, Platz. Wird der dramatische Geburtenschwund bald diese Probleme lösen?

ES IST EIN GEBURTENSCHWUND, der die Demographen überrascht – und die Bildungspolitik dazu. 2024 kamen in Deutschland rund 121.000 Kinder weniger zur Welt als noch drei Jahre zuvor. Folgen der Corona-Pandemie? Auswirkungen der Wirtschaftskrise? Des gesamtgesellschaftlichen Pessimismus? Was auch immer die Gründe sein mögen: Fast ein Sechstel weniger Kinder in so kurzer Zeit verändern die Rahmenbedingungen für Kitas und Schulen schlagartig. Und beenden sie womöglich endlich den dramatischen Erzieher- und Lehrermangel?
In den vergangenen Jahren hielt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm die Bildungspolitik mit immer neuen Prognosen zu steigenden Schülerzahlen auf Trab. In einer neuen Studie analysiert er nun bis auf die Ebene der einzelnen Bundesländer hinunter, wie dramatisch sich die zu erwartende Kinderlücke für Kitas und Schulen auswirken könnte. Dabei nutzt er erstmalig auch die korrigierten Bestandsdaten der Bevölkerung Deutschlands, die das Statistische Bundesamt erst im Januar auf der Grundlage des Zensus 2022 veröffentlicht hat.
Das Ergebnis: Für das Jahr 2030 prognostiziert Klemm bundesweit geschätzte 664.000 Kinder weniger im Krippen- und Kita-Alter, als es 2023 gab. Ein paar Jahre später wird der Geburtenschwund der Berechnung zufolge auch auf die Grundschulen voll durchgeschlagen sein: Die Studie des Bildungsforschers geht von 536.000 weniger 6- bis 9-Jährigen im Jahr 2035 aus.
Wobei das Minus noch größer werden könnte. Klemm hat in seiner Studie die sogenannte Variante 3 des Statistischen Bundesamtes zur künftigen Einwanderung zugrundegelegt, die bis 2035 einen zurückgehenden, aber weiter deutlichen Netto-Zuzug nach Deutschland erwartet. Mit anderen Worten: Fällt die tatsächliche Einwanderung, etwa infolge der von der Union geforderten "Migrationswende", geringer aus, besuchen demnächst sogar noch weniger Kinder die Kitas und Schulen in Deutschland.
Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) erwartet in ihrer aktuellen Schülerprognose weniger Kinder im Primarbereich bis 2030 und einen etwas stärkeren Rückgang um sechs Prozent bis 2035. Doch nimmt der sich gering aus gegenüber dem von Klemm erwarteten 17-Prozent-Minus bei den 6- bis 9-Jährigen im selben Zeitraum. In der bundesweiten Gesamtschau rechnet Klemm mit fast 400.000 Grundschulkindern weniger im Jahr 2035 als die KMK.
Halb so viele Grundschulkinder
in Brandenburg
Dabei zeigt der Blick in die einzelnen Länder, dass der Rückgang sehr ungleich auf die Kitas und Schulen der Bundesrepublik verteilt sein wird. In Brandenburg zum Beispiel, sagt Klemm voraus, werde sich die Zahl der Kinder im Grundschulalter von derzeit 99.000 auf 53.000 fast halbieren, in Hamburg dagegen bleibe ihre Zahl fast konstant. Letzteres erwartet auch die KMK so, Brandenburg allerdings geht laut KMK-Zahlen für 2035 immer noch von 84.000 Kindern im Grundschulalter aus. Die Differenz zwischen beiden Prognosen entspricht etwa 100 Grundschulen.
Wird die Bildungspolitik in den besonders betroffenen Ländern vom Kinderknick kalt erwischt? Die KMK sammelt nur die Prognosen einzelner Kultusministerien. In der Summe jedoch, kritisiert Klemm, hätten diese Prognosen allein für das Jahr 2024 die tatsächliche Geburtenzahl um 82.000 überschätzt – und das, obwohl bei der Veröffentlichung der KMK-Vorausberechnung im November 2024 der weitere Rückgang der Geburtenrate längst absehbar gewesen sei.
Der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik, sagte auf Anfrage, in besagter KMK-Vorausberechnung sei bereits darauf hingewiesen worden, dass sich die Geburtenraten in Deutschland zuletzt rückläufig entwickelt hätten. "Somit ist davon auszugehen, dass die von Professor Klemm gezeigte Absenkung der Schülerzahlen aufgrund der noch weiter rückläufigen Geburtenraten in Deutschland auch in der kommenden KMK-Vorausberechnung der Schülerzahlen noch deutlicher zum Tragen kommt."
Entlastung für unterfinanzierte
Kitas und Schulen?
Die Frage nach der Angemessenheit der Methodik ist die eine. Die viel wichtigere lautet: Könnte sich das dramatische Geburtenminus zu einer unverhofften Gelegenheit für das auf Kante genähte Kita- und Schulsystem entwickeln?
Diese große Chance sehe er zumindest für den Elementarbereich und "insbesondere für den Primarbereich", sagt Klemm. Die demografische Entwicklung schaffe im räumlichen und im personellen Bereich Freiräume für "Ansätze, die geeignet sind, endlich den ewigen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Erfolgen im Bildungssystem zumindest abzuschwächen."
Verbesserungen im Elementarbereich durch Erhöhung der Beteiligungsquoten der Unter-Dreijährigen und der Gruppengrößen in den Kindergärten würden möglich. Der von 2026 geltende Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung könne qualitativ anspruchsvoller umgesetzt werden, in geeigneten Räumen und mit qualifiziertem pädagogischen Personal. Und: "Das Startchancen-Programm muss nicht an fehlenden Räumen und mangelndem Personal scheitern."
Vom Wunsch zur Realität, am Beispiel Berlin: Für das Jahr 2035 prognostiziert Klemm in der Hauptstadt rund 153.000 Kinder im Krippen- und Kitaalter, ein Minus von 27 Prozent gegenüber 2023. Bei den Grundschulkindern soll es bis 2035 um knapp elf Prozent auf dann noch 126.000 runtergehen.
Ob die Politik das in bessere Bedingungen für Schulen und Kitas übersetzen wird, darf jedoch bezweifelt werden. In Berlin regierten zuletzt vor allem die Haushaltssanierer. Obwohl die Berliner Schüler-Vorausberechnung nur von einem geringfügigen Schülerrückgang bis 2035 ausging, teilte der Senat im November 2024 mit, zwei Schulneubauten vorerst nicht umsetzen zu wollen: Eine neue inklusive Schwerpunktschule in Reinickendorf und Ersatz für eine bestehende Grundschule in Pankow. Einsparziel: insgesamt 95 Millionen Euro.
Die Neubauten seien aber nur aufgeschoben, betont die Verwaltung von Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) auf Anfrage, der Bedarf bestehe weiter. "Wir haben laut unserer Modellrechnungen aktuell in Berlin ein rechnerisches Schulplatzdefizit von 28.000 Schulplätzen zu konstatieren." Im Grundschulbereich sei "frühestens ab dem Jahr 2030" mit einer Entlastung zu rechnen, bei den weiterführenden Schulen ab Mitte der 2030er Jahre.
Hoffen auf die
Macht der Zahlen
Unterdessen warnt die Rosa-Luxemburg-Stiftung vor den Folgen der notorischen Überlastung von Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas. 85 Prozent der in einer bundesweiten Umfrage der Gewerkschaft "ver.di" befragten Kita-Mitarbeitenden gaben an, auch krank zur Arbeit zu gehen, 95 Prozent sagte, sie würden den eigenen Ansprüchen an ihre Arbeit nicht mehr gerecht. 27 Prozent wollten den Arbeitsplatz wechseln.
In Berlin hatte "ver.di" angesichts der prekären Personalsituation im vergangenen Herbst mehrfach zu Streiks aufgerufen – bis diese gerichtlich untersagt wurden. Dafür berief Senatorin Günther-Wünsch einen Runden Tisch ein. Bei der Planung künftiger Kita-Plätze, sagt ihre Verwaltung, berücksichtige man schon jetzt die rückläufigen Kinderzahlen. Die sinkenden Geburtenzahlen führten zu einem sinkenden Fachkräftebedarf, bei gleichbleibendem Trend werde der Fachkräftebedarf um rund 2400 Vollzeit-Erzieherstellen sinken.
Der Senatorin sei es "ein zentrales Anliegen, die gut ausgebildeten Fachkräfte trotz aktuell notwendiger Einsparungen zu halten und damit den Betreuungsschlüssel vor allem für den U3-Bereich nachhaltig zu verbessern". Dies sei ihr in Gesprächen mit der Senatsverwaltung für Finanzen gelungen. Die gesetzlichen Regelungen für den Personalschlüssel im Krippenbereich sollen angepasst werden, künftig soll eine Vollzeit-Erzieherin statt bisher rechnerisch 5,1 Kinder nur noch 4,1 Unter-Dreijährige betreuen.
Laut Gewerkschaft ein guter Anfang – doch bestehe eine deutliche Diskrepanz zwischen dem gesetzlich veranschlagten Personalschlüssel und der tatsächlichen Betreuungssituation vor Ort. Das liege vor allem an den sehr hohen Krankenständen: "Ohne die Streiks hätte der Finanzsenator sicherlich die rückläufigen Kinderzahlen zum Anlass genommen, auch bei den Kitas den Rotstift anzusetzen", sagt Gewerkschaftssekretärin Tina Böhmer.
Neben Verbesserungen auch bei den Über-Drei-Jährigen fordert "ver.di" einen verbindlichen Fach-Kraft-Schlüssel, bei dessen Unterschreitung die Kitas Maßnahmen einleiten müssten. Doch um den definieren zu können, sagt Böhmer, müsse man den gegenwärtigen Zustand überhaupt erst einmal verbindlich erheben. Auch hier hofft man auf die Macht der Zahlen.
Dieser Artikel erschien am Mittwoch zuerst im "Tagesspiegel".
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Kommentar schreiben
schöneberger (Mittwoch, 12 März 2025 15:11)
Im Bericht sollte vielleicht erwähnt werden, dass in Berlin der Rückgang an Kindern im Kita-Alter bereits jetzt zu spüren ist. Es gibt z.b. in Schöneberg in vielen Kitas freie Plätze. Der Betreuungsschlüssel verbessert sich dadurch aber leider keineswegs, da weniger Kinder automatisch zu geringerer Finanzierung führen und entsprechend Stellen nicht (nach)besetzt werden können bzw. kein Personal von Leiharbeitsfirmen engagiert werden kann.
Wolfgang Kühnel (Mittwoch, 12 März 2025 15:54)
1. Es gibt zunächst mal kein Problem mit einer sinkenden Zahl von Kindern: Man kann einfach die Kitagruppen und Schulklassen verkleinern und baut den Personalmangel ab. Die allgemeine Überlastung geht in eine Normalität über. Die Lehrer-Schüler-Relation sowie die Klassenteiler sind auch nicht von Gott vorgegeben.
2. Die bisherigen Prognosen so ab 2011 wurden alle widerlegt: Es kam der Syrien-Krieg und dann der Ukraine-Krieg, und das Gegenteil ist eingetreten.
3. Die neue Regierung unter Kanzler Merz ist noch nicht im Amt, und schon orakeln die "Experten" über sinkende Zuwandererzahlen bis 2035. Das ist keine Wissenschaft, es hat nicht mehr Wert als Kaffeesatzlesen.
4. Auch Bildungsforscher betätigen sich neuerdings so, als seien die Politiker, und wissen genau, was in der Politik richtig ist. Siehe dazu den Artikel hier mit dem "ko-konstruktiven Föderalismus" im Titel vom 7. März.